(Dieser Artikel ist veröffentlicht in MHR 4/99) < home RiV >
 
 Nachruf zum Tode von
Dr. Wolfgang Neuschild
Vorsitzender Richter am Landgericht Hamburg

Wenn ein Mensch stirbt, der jünger ist als ich, werde ich nicht selten von einer leichten Panik ergriffen. Die Nachricht von der todbringenden Krankheit unseres Kollegen und Freundes Wolfgang Neuschild, der am 14. September 1999 im Alter von 53 Jahren verstarb, hat mich allerdings noch mehr als nur erschüttert.

Wolfgang Neuschild war für mich ein außergewöhnlicher Mensch und ein Richter, der einer unserer klügsten und intelligentesten war. Kleingeistigkeit war ihm fremd. Er war großzügig im Herzen und im Handeln. Hochgebildet, sehr belesen und viel und weit gereist, war er ein attraktiver Gesprächspartner. So habe ich ihn bei den regelmäßigen Treffen der "Ehemaligen der ZK 24" in dem Restaurant "Poseidon" kennen gelernt.

Für Wolfgang Neuschild war das Gericht sein Leben. Wenn man ihm gesagt hätte, er sei ein leidenschaftlicher Richter, ein Richter mit Leib und Seele, hätte er sich von solchen Bezeichnungen mit einer ironischen Bemerkung distanziert. Gefühlsäußerungen bezogen auf seine Person konnte er nur in dieser Weise abwehren.

Dabei gehörte er (Zitat Spiegel Nr. 38/1999) "zu dem bundesweit bekanntesten und qualifiziertesten Presserechtsspezialisten." Insgesamt war er 11 ½ Jahre Beisitzer und knapp zwei Jahre Vorsitzender der ZK 24. Auch als Vorsitzender der Urheberrechtskammer, in der er 5 ½ Jahre tätig war (man nannte die drei Richter der ZK 8 gelegentlich "die Drei von der Tankstelle"), hat er zusammen mit seinen Beisitzern Entscheidungen getroffen, die seinen unabhängigen, kritischen, weit über allein juristischen Kategorien hinausgehenden Geist zeigten.

In der Pressekammer ist sein Engagement für Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit unvergessen. Vor allem, wenn sich jemand durch satirische Darstellungen verletzt fühlte, hat er sich leidenschaftlich für die Freiheit der Kunst eingesetzt. Seine sehr liberale Einstellung führte zwar bisweilen zu heftigen Kontroversen mit den Vertretern von Anspruchstellern, häufiger aber dazu, dass sein Standpunkt akzeptiert wurde. Auf der anderen Seite konnte er aber auch mit sehr scharfen Worten verurteilen, wenn nach seiner Auffassung die Pressefreiheit durch inhaltlich falsche oder unnötige herabsetzende Veröffentlichungen missbraucht wurde.

Er war auch ein Mann deutlicher Worte, wenn er durch eine Ausnutzung des Presserechts kommerzielle Interessen gefördert sah. So war es für ihn nicht einsichtig, wenn Prominente, wie z.B. der Talkmaster Hans Meiser, bei unliebsamen Fotos in Illustrierten die Gerichte anriefen, um anschließend ihre Story in den Medien gegen ein hohes Honorar zu vermarkten.

Jeder, der mit ihm arbeitete, gerät ins Schwärmen, wenn er von ihm spricht. Immer wieder wird die elegante Formulierung seiner Urteile hervorgehoben. Seine Wortgewandtheit und Debattierfreude machte all den Menschen Spaß, die fähig und in der Lage waren mitzuhalten.

Mich verband mit ihm die Liebe zur Literatur. Im letzten Jahr haben wir uns lange über Uwe Jonsson und den Streit der Witwe mit dem Verleger Siegfried Unseld unterhalten. Ich ging auch hier – wie sonst immer nach einem Gespräch mit ihm – sehr animiert aus seinem Zimmer, um dann am Abend mich in die Bücher zu vergraben, über die wir gesprochen hatten.

Er war ein Mensch, der nie etwas einforderte, auch keine Zuwendung. Selbst in den Zeiten seiner schweren Krankheit, wehrte er Wünsche von Kolleginnen und Kollegen ab, ihn im Krankenhaus oder zu Hause besuchen zu dürfen. Ich habe ihn dennoch kurz vor seinem Tode im Universitätskrankenhaus Eppendorf besucht. Wir saßen bei strahlendem Wetter auf dem kleinen Balkon vor seinem Krankenzimmer. "Da siehst Du die Kuppel des Oberlandesgerichts", meinte er und deutete in Richtung Sievekingplatz. Ich konnte die Kuppel nicht erkennen, spürte aber, wie sehr er sich mit diesem Ort seines Lebens beschäftigte.

Wenn er diesen Nachruf auf sich selbst gelesen hätte, so hätte er ganz ohne Zweifel in diesem Text einige Passagen gefunden, die ihm stilistisch nicht gefallen hätten, und er hätte liebevoll und behutsam darauf hingewiesen, dass die deutsche Sprache noch schöner ist, wenn man sie richtig anwendet. Mir fehlt dieser Richter, und ich glaube, vielen anderen auch.

Konstanze Görres-Ohde