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Kabarett oder Krise?

Was sich abspielte, ist kabarettwürdig: Emails jagen durch Justiz 2000-mäßig vernetzte Gerichte, man gibt Presseerklärungen ab und schreibt Entschuldigungs- und Empörungsbriefe, die Opposition freut sich und richtet eine Anfrage an den Senat, eine Glosse über die Leiden der deutschen Sprache wird verfaßt, Zeitungsberichte erscheinen selbst in Provinzgazetten. Kurzum: Es geht rund!
Viel Lärm um Nichts? Ein einfältiger Parteischreiber plaudert in aller Offenheit über das, was in weiten Kreisen der Politszene über das Juristenvolk am Sievekingplatz und anderswo gedacht wird. Aufmerksamen MHR-Lesern ist das nichts Neues.

1992 – wie schon einige Jahre zuvor das erste Mal - hat die Justiz versucht, mit Hamburger Justiztagen ihren Wandel zu dokumentieren. Ich hatte damals als Koordinatorin des dreitätigen Einblicks in den Justizalltag und das Rechtsleben Gelegenheit genug zu erleben, mit welchem Ernst sich die Kollegenschaft und die Rechtsanwälte der Aufgabe gewidmet haben, ihre Leitlinien und ihr Handeln verständlich zu machen. Die Bürger hatten drei Tage lang Gelegenheit, Justiz zu erleben und zu erkennen, daß am Sievekingplatz und anderen Gerichtsorten Hamburgs keine abgeschiedene Elfenbeintürmelei herrscht, sondern daß verantwortungsvolle, mit dem Leben vertraute Richterinnen und Richter, Staatsanwälte und Staatsanwältinnen täglich den Verfassungsauftrag der Dritten Gewalt erfüllen. Leider fehlt seither die Kraft, diese wirksame Art der Öffentlichkeitsarbeit zu wiederholen. Was bleibt in unserer Zeit, die allein das Gebot des schlanken Geldbeutels kennt?

Der Vorstand des Richtervereins wird sich intensiv mit dieser nun offen gelegten und durch die unsubstantiierte Entschuldigung des Landesgeschäftsführers nicht verbesserte Einschätzung der Justiz durch eine gesellschaftlich bedeutende Gruppe und mit der Frage auseinanderzusetzen haben, wie diesem "Weltbild" entgegenzutreten ist. Es verspräche einen spannenden Abend, lüde man Texter und Verantwortliche zu einem Gespräch darüber ein, worauf sie ihre abwegige und lebensfremde Aussage gründen, wie sie und andere, die man niemals Kontakt zu Richtern und Staatsanwalten suchen sah, zu solcher Meinung gelangen. Ob es lohnte, vermag ich nicht zu beurteilen, aber versuchen muß man es jedenfalls.

Karin Wiedemann