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(Foto: Konstantin Kleine)

 

Hugo Grotius in Hamburg

 

Wer erinnert sich nicht aus seiner Studienzeit an den Namen Hugo Grotius?! Wer aber weiß Genaueres über ihn, und wer weiß, welche Beziehung er zu Hamburg hatte?

 

Ein Internationales Benefizkonzert, das am 05.06.2010 in Nienstedten (Rudolf-Steiner-Schule) stattfand, bot Gelegenheit, nicht nur an einem ganz besonderen kulturellen Ereignis teilzunehmen, sondern auch Interessantes aus dem Leben dieses Gelehrten, der als Vater des Völkerrechts bezeichnet wird, zu erfahren.

 

Hugo Grotius (Hugo de Groot) wurde 1583 in Delft (Niederlande) geboren und starb im Jahre 1645 in Rostock. Dazwischen liegt ein bewegtes, abenteuerliches Leben, das ausreichend Stoff für eine spannende Verfilmung abgäbe.

Grotius wurde in eine wohlhabende protestantische Familie geboren; er galt als Wunderkind, das bereits mit 12 Jahren fließend Latein und Griechisch sprach. Er verfasste elegante lateinische Verse und studierte schon mit 11 Jahren an der Universität in Leiden. Mit 16 Jahren erhielt er seine Zulassung als Anwalt, erhielt einen Ehrendoktortitel der Universität Orléans, wurde 1607 Staatsanwalt der Staaten von Holland und 1613 Stadtsyndikus von Rotterdam. Seine Verstrickung in die religiösen Auseinandersetzungen zwischen den orthodoxen Calvinisten und dem Statthalter Prinz Moritz von Oranien führte dazu, dass er 1619 zu Gefängnis auf Lebenszeit verurteilt, zum Schloss Loevestein verbracht und sein Vermögen konfisziert wurde. Man gestattete ihm allerdings, sich Bücher schicken zu lassen. Dieses Privileg nutzte er 1621 zur Flucht: Seine Frau Marie Reigersberg packte ihn in eine Bücherrückgabekiste, und so entkam Grotius, versteckt unter theologischen Büchern, dem Gefängnis. Sein Leben war seitdem durch ständige Flucht geprägt, die ihn über Antwerpen nach Paris und dann auch nach Norden führte.

Es steht fest, dass Hugo Grotius sich zunächst 1632 in Blankenese (Dockenhuden) aufhielt, wo er bei seinem Landsmann Julio de Moor Zuflucht fand[1]. Danach gelang ihm die Übersiedlung nach Hamburg (u.a. wohnte er in der Holländischen Reihe), wo er bis 1634 blieb.

Ab 1635 diente er auf Grund seiner Ernennung durch die schwedische Königin Christine als Botschafter in Frankreich. Auf der Rückreise von einem Besuch in Stockholm geriet er in Seenot und verstarb 1645 in Rostock an den Folgen des Schiffbruchs.

Trotz dieses bewegten und von Glaubensauseinandersetzungen geprägten Lebens verfasste Grotius grundlegende, unvergessene Werke zur rechtlichen Einordnung der Rechte an den Meeren und zu Fragen des Rechts unter den Völkern. So erschien 1604/05 ein Rechtsgutachten über das Prisenrecht (De iure pradae) und 1625 in Paris das Werk „De iure belli ac pacis“, das seinen Ruf als Begründer des Völkerrechts begründete.

Bereits 1609, also vor 400 Jahren, hatte Grotius aber schon unter dem Titel „Mare Liberum“ für seine Zeit revolutionäre Grundsätze veröffentlicht, in denen er die Auffassung vertrat, die Meere seien internationale Gewässer und stünden allen Nationen zur Nutzung im Rahmen der Handelsschifffahrt zur Verfügung. Grotius’ Idee von der Freiheit der Meere setzte sich als Grundlage des modernen Seerechts durch.

Das Jubiläumsjahr 2009 war für die Stadt Den Haag Anlass, den berühmten Gelehrten und sein für die Entwicklung des Seerechts so bedeutsames Werk durch ein besonderes Ereignis zu würdigen.

 

So entstand die Idee zu einem Chorwerk mit dem Titel „Mare Liberum“ nach einem Libretto des Direktors und Bibliothekars des Friedenspalastes[2] in Den Haag Jeroen Vervliet, zugleich Verwalter der kostbaren Hugo-de-Groot-Sammlung, unter der sich auch die Erstausgabe von Mare Liberum aus 1609 befindet. Roel van Oosten vertonte die von Vervliet zusammengestellten Texte, die nicht nur lateinische Passagen aus dem Werk von Hugo Grotius enthielten, sondern auch Zitate von Horaz, Walt Whitman, Wilfred Owen, John McCrae.

 

Vor dem Seegerichtshof; v. lks.: Jeroen Vervliet, Erik Werner, Roel van Oosten, Daan Admiraal und Gerard Goossens (Direktor des Ascolta Verlages, der die Partitur von Mare L. herausgegeben hat).

 

Die Uraufführung im Jahre 2009 in Den Haag durch die Delfts Studenten Muziek Gezelschap Krashna Musika und den Haags Toonkunstkoor unter der Leitung des Dirigenten Daan Admiral war ein großer und bewegender Erfolg. Glücklichen Zufällen und besonderen persönlichen Kontakten ist es zu danken, dass dieses ungewöhnliche Werk am 05.06.2010 in Hamburg zur Aufführung kam.

 

Dem Deutsch-Holländischen Initiativkreis mit Klaus Driessen (Hamburg) und Erik Werner (Den Haag) als unermüdlichen Organisatoren und der Deutsch-Niederländischen Handelskammer, der Handelskammer Hamburg, der Hamburgischen Rechtsanwaltskammer, der Hansestadt Rostock, dem Deutschen Verein für Internationales Seerecht, der Internationalen Stiftung für Seerecht (IFLOS), der Bucerius Law School sowie dem Hamburgischen Richterverein als Mitveranstalter gelang es, Chor und Orchester aus den Niederlanden zusammen mit dem Komponisten und dem Librettisten sowie den Solisten Estéfania Perdomo (Sopran) und Frans Fiselier (Bariton) nach Hamburg zu holen.

 

Als wunderbarer Aufführungsort stand der große Konzertsaal in der Nienstedtener Rudolf-Steiner-Schule zur Verfügung, und so war es fast zwangsläufig, beim Internationalen Seegerichtshof anzufragen, ob dort anschließend ein Empfang stattfinden könnte. Als diese Anfrage ebenso positiv beantwortet worden war wie die Frage an den Senat der Hansestadt, ob sie zu diesem Empfang einlade, ging es an die organisatorische Umsetzung. Dank der finanziellen Unterstützung zahlreicher Sponsoren und der unermüdlichen Einsatzbereitschaft vieler Hilfskräfte klappte alles wie am Schnürchen.

 

Bei wunderbarem Sommerwetter füllten über 500 Zuhörer den Konzertsaal fast bis auf den letzten Platz. Ihre gespannte Erwartung wurde nicht enttäuscht. Das informative Programmheft kündigte nach einer kurzen Begrüßung eine musikalische Eröffnung durch das Hamburger Juristenorchester unter der bewährten Leitung von Klaus-Peter Modest an: Hamburger Ebb‘ und Flut von Telemann. Die Mitglieder des Juristenorchesters musizierten mit Begeisterung und viel Einfühlungsvermögen die in ihrer Stimmung recht unterschiedlichen Sätze. Schon dieser Teil des Konzerts schuf eine besondere Atmosphäre und nahm die Zuhörer gefangen.

 

Als dann nach einer kurzen Einführung durch den Vorsitzenden des Haags Toonkunstkoor Gerard van Egmond die ersten Töne des „Mare Liberum“ erklangen, wurde die Faszination fast körperlich spürbar. Es herrschte atemlose Stille und gebannte Aufmerksamkeit. Jede Sorge, es könnte unerträgliche „moderne Musik“ das Zuhören zur Qual machen, verschwand. Die Zuhörer verfolgten gespannt und innerlich berührt die Darbietungen von Orchester, Chor und Solisten. Die Eindringlichkeit der Musik, die neben Anklängen an Carl Orff auch Assoziationen an Jazz, Gershwin und Bernstein wachrief, setzte die lateinischen und englischen Texte so aufrüttelnd um, dass Zeit und Ort in Vergessenheit gerieten und die geschichtlichen Ereignisse alle in ihren Bann zogen. Die Interpretationskraft der Solisten verstärkte diesen intensiven Eindruck der Musik, insbesondere auch durch den wunderbar abgestimmten Wechselgesang mit dem Chor.

 

Nach dem Schlusston gab es donnernden Applaus und laute Bravorufe. Die Künstler waren sichtlich berührt von der Begeisterung, die auch dem Komponisten, der sich dann auf der Bühne zeigte, entgegenschlug. Leider blieb der Verfasser des Libretto in der Menge der Zuhörer verborgen.

 

Der Jubel des Publikums erwirkte eine Zugabe: die Wiederholung des letzten Teils von Part V, überschrieben „Pace viget“:

Pace viget Fortuna favens,

Terraque marique.

Iam blandiuntur omnia.

(Durch Frieden erstärkt das günstig gewogene Geschick zu Wasser und zu Lande. Sogleich ist alles von Wohlbehagen erfüllt.)

Lobend zu erwähnen bleibt, dass unser Kollege Dr. Klaus Wille kurzfristig die Übersetzung des lateinischen Textes ins Deutsche übernommen hatte, wofür ihm auch an dieser Stelle nochmals ausdrücklich Bewunderung und Dank ausgesprochen sei!

 

Der anschließende Empfang im Seegerichtshof gab nach einer Begrüßung durch Doo Young Kim als Vertreter des International Tribunal for the Law of the Sea und Bernd Reinert, Staatsrat der Behörde für Wissenschaft und Forschung, Gelegenheit zu ausführlichem Gedankenaustausch über das wunderbare Konzertereignis, die internationalen Beziehungen und über Dies und Jenes aus und um Hamburg herum.

 

Es war ein rundum gelungener Abend, und ich möchte allen danken, die ihn ermöglicht haben!

 

Inga Schmidt-Syaßen


 

[1] vgl. dazu Melitta Grimm, Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 27 (1926), S. 130 ff.; Winfried Grützner, Bankeneser Geschichte(n), Verlag Klönschnack, 2. Sonderheft 2000

[2] Das Gebäude ist auch Sitz des Internationalen Gerichtshofs