(Dieser Artikel ist veröffentlicht in MHR 1/09, 26 ) < home RiV >

 

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    Internet-Telefonate vom USB-Stick

 

Der Aufsatztitel gibt das Ziel dieses Beitrags bereits wieder. Mobiles Telefonieren geht auch ohne Handy. Man nehme ein bestimmtes kostenloses Software-Telefon, welches sich von jedem handelsüblichen USB-Stick[1] aus starten lässt[2]. Diesen Stick kann man unterwegs an einen beliebigen PC anstecken, ohne dass eine Installierung auf dem jeweiligen PC erforderlich ist. Der PC muss lediglich ans Internet angeschlossen sein und ein Mikrophon oder Headset beinhalten. Und schon können Sie Internet-Telefonie (Voice over IP, kurz VOIP) betreiben.

 

Da netzinterne[3] Gespräche bei den meisten Providern kostenlos sind, kann man kostenlos z.B. nach Hause telefonieren, indem man sich zwei Accounts beim selben Provider beschafft[4]. Vielleicht macht ja Ihr Kind einen Auslandsaustausch zu Gasteltern mit Internetanschluss; dann können Sie ihm einen präparierten USB-Stick mitgeben, damit Ihr Kind sich öfter mal bei Ihnen meldet. Oder das Kind nutzt einen Jugendherbergen-PC. Oder Sie selbst steuern Ihre häusliche Telefonanlage aus der Ferne über das Internet.

 

An der Gegenseite - nehmen wir z.B. Ihr Zuhause - muss niemand am PC sitzen, um auf den Internet-Anruf zu warten. Mit der in MHR 2/2008, 15 vorgestellten Lösung (Fritzbox und/ oder Asterisk) können Sie Ihr normales Telefon so einbinden, dass Sie mit ihm die eingehenden Internet-Anrufe annehmen können[5].

 

Sitzen Sie nicht zuhause, sondern irgendwo an einem PC in einem geschützten Netzwerk, so existieren dort oft Netzwerk- oder Portbeschränkungen. Das muss Sie dort nicht technisch an einer VOIP-Nutzung hindern, denn Sie können sich zusätzlich die kostenlose SIP-Tunnel-Software von www.realtunnel.com auf den USB-Stick installieren[6]. Prüfen Sie aber, ob der Netzwerkinhaber eine solche Tunnelung rechtlich verboten hat.

 

Internet-Telefonie hat manchmal eine nicht so gute Qualität. Quasi-ISDN-Qualität (HD-Qualität) wird erreicht durch den Sprach-Codec[7] g.722. Dieser Codec ist deswegen von aktuellem Interesse, weil der VOIP-Provider Sipgate ihn gerade in seinen Leistungsumfang aufgenommen hat. Hinzu kommt, dass Sipgate kostenlos Hamburger Festnetznummern für die VOIP-Accounts anbietet[8]. So können Sie als Hamburger Ihren Sipgate-Account sogar aus dem Festnetz günstig anrufen. Das ist interessant, wenn Sie sich nicht zuhause befinden und Ihr Kind im Ausland anrufen wollen[9]. Oder Sie richten eine Weiterleitung auf Ihr Handy ein[10], so dass Ihr Handy über eine Hamburger Ortsnetznummer zu erreichen ist.

Sipgate liefert auch kostenlos ein Software-Telefon mit: x-lite, welches sich auf einem USB-Stick installieren lässt und das ein viel besseres Design als das unten empfohlene Programm hat[11]; darum stammt das obige Foto auch von diesem Programm. Jedoch ist die Konfigurierung dieses Programms nicht so einfach und beherrscht x-lite nicht auch den Codec g.722. Die vorgenannten Restriktionen umgeht man mit dem Programm phonerlite. Dieses Software-Telefon ist USB-Stick-fähig, g.722-fähig, realtunnel-fähig und leicht konfigurierbar[12].

Der g.722-Codec ist zur Durchführung des Projekts allerdings nicht unbedingt erforderlich. Er verschafft nur eine bessere Sprachqualität, benötigt aber auch einen sehr viel höheren technischen Aufwand[13]. Es müssen nämlich nicht nur wie oben beschrieben die SIP-Provider von Anrufer und Angerufenem und die Software-Telefone von Anrufer und Angerufenem diesen Codec beherrschen. Auch die Fritzbox muss es können, und die in MHR 2/2008, 15 vorgestellte Version 7170 kann es nicht[14]. Entweder Sie beschaffen sich die neuere Hardware-Version 7270[15], denn sie beherrscht HD-Telefonie. Oder Sie belassen es bei der Version 7170, müssen dann aber Asterisk in der neuesten Version auf die Fritzbox aufspielen: in Version 1.6 ist der g.722-Codex vorgesehen[16]. Doch wenn Sie derzeit eine Fritzbox- bzw. Asterisk-Version haben, die g.722 nicht beherrscht, dann lohnt der Aufwand einer Umstellung nur wegen des Codex’ nicht den Gewinn an Qualität. Von umfangreichen Hinweisen zur softwaremäßigen Umstellung wird deshalb an dieser Stelle abgesehen.

Zusammenfasssung für die Präparierung des USB-Sticks:

1.   Sie beschaffen sich irgendeinen USB-Stick oder Vergleichbares (s. Fußn. 1).

2.   Sie und z.B. Ihr Kind beantragen jeweils einen „sipgate-basic“-Account bei sipgate.de.

3.   Sie downloaden phonerlite bei phonerlite.de und installieren es sowohl auf dem USB-Stick als auch auf dem häuslichen PC.

4.   In dem auf dem PC befindlichen phonerlite geben Sie die Daten des einen Sipgate-Accounts ein und in dem auf dem USB-Stick befindlichen phonerlite geben Sie die Daten des anderen Sipgate-Accounts ein (s. Fußn. 12)

5.   Fritzbox konfigurieren (s. Fußn. 5).

 

Wolfgang Hirth


[1] Statt eines USB-Sticks kann man auch etwas Vergleichbares wie z.B. einen mp3-Player, eine Digitalkamera oder ein stick-simulierendes Handy nehmen.

[2] Das ist nicht bei jedem Software-Telefon der Fall.

[3] Eine Liste von Providern, die auch netzübergreifendes kostenloses VOIP über ENUM zulassen, finden Sie bei http://wiki.ip-phone-forum.de/telefonie:enum:provider

[4] Da nach den AGB nur ein Account pro Person zulässig ist, muss den zweiten Account eine andere Person – z.B. Ihr Kind - einrichten.

[5] Konfiguration in Fritzbox:

Unter erweiterte Einstellungen/Telefonie/Internet-Telefonie neu anlegen (Daten des Sipgate-Accounts für den häuslichen PC eingeben; nicht Ihr Passwort bei der Sipgate-Anmeldung, sondern Ihr Passwort aus den Einstellungen auf der Sipgate-Internetseite eingeben.

Unter Wahlregeln: neu anlegen, Bereich Rufnummer, Rufnummer des Sipgate-Accounts für den USB-Stick eingeben, verbinden über Sipgate-Rufnummer des häuslichen PC’s.

[6] Konfigurierung des Realtunnel-Clients: Unter „general" Häkchen bei „startup" setzen und userID sowie Passwort Ihres realtunnel-Accounts eingeben. Unter „SIP" und unter „Http" jeweils Häkchen setzen bei „automatically ...".

Konfiguration von phonerlite für realtunnel: In phonerlite neues Profil anlegen mit Angaben wie Fn. 122. Abweichung: Proxy: 127.0.0.1:5061; STUN leer lassen; Domain: sipgate.de; Benutzer: 1234567@sipgate.de, wobei 1234567 die SIP-Nr. für den USB-Stick ist.

[7] Codec ist ein Kunstwort aus coder und decoder. Ziel der verschiedenen Sprach-Codecs ist es, die Sprache durch Kompression mit möglichst niedriger Übertragungsrate in hoher Qualität übertragen zu können.

[8] Skype bietet nicht nur keine kostenlosen Festnetznummern an, sondern ist aus weiteren Gründen keine Alternative. Skype – das zwar mit Tricks ebenfalls auf USB-Sticks installierbar ist – wird nicht über das SIP-Protokoll abgewickelt, so dass das Programm an diesen Anbieter gebunden ist und keine fremden Provider vom Client bedient werden können. Außerdem kann es nicht für die Tunnel-Lösung eingesetzt werden.

[9] Das setzt natürlich voraus, das der Angerufene entweder gerade am PC sitzt oder ebenfalls über Fritzbox etc. eine Weiterleitung auf sein Handy/Telefon eingerichtet hat.

[10] In Asterisk fügen Sie dazu in der extensions.conf folgende Zeile ein:

exten => 1234567,1,Dial(CAPI/ISDN1/2345678:017612345678)

Dabei ist 1234567 Ihre Sip-Nr. (nicht die Sipgate-Festnetznr.), 2345678 Ihre echte Festnetznummer (nicht die Sipgate-Festnetznr.) und 017612345678 Ihre Handynr. In der sip.conf fügen Sie unter general ein:

register => 1234567:ABCDE2@sipgate.de/1234567

Dabei ist ABCDE2 Ihr Sipgate-Passwort.

[11] Kostenlose USB-Stick-fähige Software-Telefone, die auch Videotelefonie beherrschen, sind ninja lite und zoiper. Allerdings schaffte ich mit ihnen keine Tunnelung.

[12] Konfiguration von phonerlite: Server: Proxy: sipgate.de; STUN-Server: stun.sipgate.net:10000; Domain leer lassen; Häkchen bei „Registrierung“; Benutzer: bei den drei ...namen jeweils die SIP-Nr. eintragen; Kennwort: nicht das Passwort bei der Erstellung des Sipgate-Accounts, sondern jenes von den Einstellungen auf der Sipgate-Internetseite; speichern.

[13] Außerdem nimmt dieser Codec auch größere Ressourcen (Rechenleistung und Bandbreite) in Anspruch.

[14] ... wenn man nicht eine spezielle „Labor-Version“ der Firmware auf die Fritzbox 7170 aufspielt, was evtl. zwischenzeitlich aufgespielte Änderungen zunichte machen kann.

[15] Die noch neuere Version 7390 wird im März auf der CeBit vorgestellt und kommt im Herbst auf den Markt.

[16] Die in MHR 2/2008, 15 vorgestellte Version war 1.4.